Einfach nicht genug…

Einfach nicht genug…

Ich weiß das, weil es mir regelmäßig jemand sagt.
Manchmal direkt und offen ins Gesicht. Manchmal aber auch verpackt in gut gemeinten Ratschlägen, die einem entgegengeschmettert werden, ohne dass man je darum gebeten hat. Manchmal reicht auch nur ein Blick, der ein bisschen zu lange auf deinen Rücken liegt, sich aber spürbar durch dich hindurchbrennt.

Zu viel arbeiten, zu wenig arbeiten.
Zu viel bei den Kindern, zu wenig bei den Kindern.

Ich schreibe.
Das allein scheint schon ein Problem für viele zu sein.

Für die einen ist es ein nettes Hobby.
Für anderen eine alberne Zeitverschwendung.
Und für manche offenbar der Beweis, dass ich meine Prioritäten nicht im Griff habe. Ich wusste nicht, dass mein Leben ein Gemeinschaftsprojekt ist.
Aber es ist erstaunlich, wie viele Menschen offenbar mitentscheiden wollen und es auch tun, ohne dass man sie bewusst dazu eingeladen hat.

Es gibt Tage, da funktioniert alles.
Also… fast. Die Kinder sind versorgt und durchgekuschelt, der Job läuft, der Hund wurde bewegt, der Haushalt zumindest nicht komplett ignoriert und irgendwo dazwischen habe ich tatsächlich ein paar Zeilen geschrieben. Diese Momente sind selten, und sie halten nie lange. Weil irgendetwas immer hinten runterfällt.
Oder jemand findet, dass es das tut.

Wenn ich arbeite, bin ich zu wenig da.
Wenn ich da bin, arbeite ich zu wenig.
Wenn ich schreibe, nehme ich mir Zeit für „unnötige Dinge“.
Wenn ich es nicht tue, lasse ich etwas liegen, das mir wichtig ist.

Es ist fast beeindruckend, wie egal, was ich tue, am Ende immer irgendwo ein Haken dran fehlt. Und auch wenn es sich befremdlich und unfair anfühlt, so hat sich jeder von uns mindestens schon einmal auf beiden Seiten selbst wiedergefunden, oder nicht? Erst neulich habe ich mich selbst dabei ertappt, wie ich Teil genau dieses Systems wurde. Eine junge Mutter wartete hinter dem Kassenbereich, einen laut schreienden Säugling auf dem Arm. Wie oft hatte ich genau diese Situation selbst erlebt, hin und hergerissen zwischen „Mein armes Baby“ und „Hoffentlich halten mich jetzt nicht alle für eine unfähige Rabenmutter!“ Wie die Röte mir ins Gesicht gestiegen ist, weil ich offenbar nicht gut genug war, um mein Baby in der Öffentlichkeit ruhig zu halten. Während die verurteilenden Blicke, spitz wie Nadeln, mir im Rücken lagen.  Also entschloss ich mich, sie anzusprechen und ihr meine Hilfe anzubieten. Sie reagierte genauso, wie ich selbst wahrscheinlich damals, und nahm meinen Rat an.  Aber hat sie mich gefragt? Nein! Bin ich davon ausgegangen, dass sie Hilfe benötigt? Ja! Und war dies im Hinblick ihres Selbstvertrauens falsch? Vermutlich schon.  Nach der Rückfahrt mit einem irrwitzigen Dialog in meinem Kopf, und einer scharfen Auseinandersetzung mit meinem Moral-Apostel-Ich (die geht mir schon manchmal sehr auf die Nerven) habe mich ein wenig umgesehen.
Im Bekanntenkreis, zwischen Tür und Angel, und Gesprächen, die eigentlich ganz andere Themen hatten.  Ich scheine damit nicht allein zu sein. Überall sehe ich Menschen, die funktionieren.
Die organisieren, planen, und ihre eigene kleine Welt so gut sie nur können immer wieder aufs Neue auffangen, damit diese nicht auseinanderbricht.
Die, die lächeln während sie jonglieren, und von außen sieht das oft so mühelos aus.
Fast beneidenswert. Und dann hört man genauer hin. Da ist die Nachbarin mit 2 kleinen Kindern, die arbeitet und sich rechtfertigt, weil sie arbeitet, ohne das man dies überhaupt angesprochen hat.
Die andere Mama, die zu Hause ist und sich rechtfertigt, weil sie „nur“ zu Hause ist, ohne auch nur ein Wort über ihre Karriere verloren zu haben . Der Kollege, der versucht, allem gerecht zu werden und sich trotzdem ständig fragt, ob er das gerade auch wirklich alles so richtig macht und sein Bestes gut genug für den Chef ist. Die Freundin, die stark wirkt und sich fragt, wann genau sie angefangen hat, sich selbst einfach immer hintenanzustellen. Und ich, die sich fragt, wer eigentlich festgelegt hat, wie dieses „richtig“ überhaupt aussehen soll. Wer entschieden hat, dass es da eine Version gibt, die man auch nur immer fast erreichen kann, wenn man sich genug anstrengt. Ich habe sie noch nicht gesehen. Was ich stattdessen sehe, sind Menschen, die funktionieren und sich ständig selbst am Blick anderer Messen mit der innerlichen Frage, ob gerade jetzt jemand verurteilend rüber schaut. Und dann sehe ich uns alle. Wie wir beobachten und Bewerten.
Einordnen. Wie schnell wir wissen, was bei anderen besser laufen könnte. Es reicht oft nur ein Blick.
Ein Gedanke und ein leises Urteil. Nicht laut oder ausgesprochen, aber da. Und ich erkenne mich darin wieder. In diesen Momenten, in denen ich meine, zu wissen, wie es richtig wäre.
In denen ich Dinge einordne, ohne die ganze Geschichte zu kennen.

In denen ich selbst Teil von genau dem bin, was mich manchmal so müde macht.

Es ist leise. Aber es ist überall.

Dieses Gefühl, nicht ganz zu reichen.
Nicht ganz richtig zu sein.
Nicht ganz genug. Egal, wie viel man gibt. Und ich stehe dazwischen.

Mit meinem eigenen Chaos.
Meinen eigenen Versuchen, alles irgendwie zusammenzuhalten. Und denke mir: Aha. Also doch kein Einzelfall. Nicht, weil ich es besser weiß, sondern weil ich langsam verstehe, dass dieses „richtig für alle machen“ gar nicht existiert. Dass es nicht darum geht, irgendwann an einem Punkt anzukommen, an dem niemand mehr etwas über dich zu sagen hat. Den gibt es nicht. Es wird immer jemanden geben, der den Kopf schüttelt.

Und vielleicht bin ich es manchmal selbst. Vielleicht geht es nur darum, irgendwann aufzuhören, sich ständig durch die Augen der anderen zu sehen, und stattdessen kurz stehen zu bleiben, um sich selbst zu fragen: Reicht das, was ich gebe, für mich? Und wenn die Antwort leise „ja“ ist… Dann ist es vielleicht genau das.

Genug.