„Guck mir in die Augen, wenn du mit mir sprichst!“ harschte der Vater seinen Sohn im Klettergarten an, als dieser ihn für sein vermeintliches Fehlverhalten rügte. Manchmal frage ich mich ernsthaft, wer eigentlich beschlossen hat, was „richtig“ und was „falsch“ ist. Also so ganz offiziell. Gab es da irgendwo ein großes Meeting mit Abstimmung und Protokoll? Oder haben wir das einfach alle irgendwann übernommen, ohne groß nachzufragen? Denn wenn man mal einen Schritt zurückgeht, wird es ziemlich schnell schräg. Das, was für uns völlig normal ist, kann woanders auf der Welt ein absolutes No-Go sein. Dinge, bei denen wir nicht mal mit der Wimper zucken, sorgen anderswo für empörte Blicke, Diskussionen oder sogar Strafen. Und andersrum genauso.
Und dann sitzt du da und denkst dir:
Okay… aber wer hat jetzt recht?
Nehmen wir mal ein paar ganz harmlose Alltagsbeispiele.
Bei uns völlig normal: Du schaust deinem Gegenüber direkt in die Augen. Selbstbewusst, offen, ehrlich. Gehört sich so.
In anderen Kulturen wirkt genau das schnell respektlos oder sogar herausfordernd. Da denkst du dir: Entschuldigung, ich wollte nur nicht wirken wie ein verschrecktes Reh.
Oder Schuhe in der Wohnung. Bei uns? Naja, geht schon klar. Kommt halt drauf an, wie sauber sie sind.
In vielen anderen Kulturen ist das ungefähr auf dem Level von: Bitte tritt doch direkt mit deinen Straßenschuhen auf meinen Esstisch, wenn du schon mal da bist.
Oder unser ganz entspannter Umgang mit Alkohol. Ein Glas Wein hier, ein Bier da, völlig normal. Gesellschaftlich akzeptiert, und teilweise sogar erwartet.
Und dann gibt es Regionen, in denen genau das moralisch komplett daneben ist. Nicht so ein bisschen, sondern wirklich: absolut tabu.
Und jetzt drehen wir den Spieß mal um.
In manchen Kulturen ist es völlig selbstverständlich, dass mehrere Generationen unter einem Dach leben, sich gegenseitig unterstützen und füreinander sorgen.
Bei uns? Da heißt es schnell: „Warum wohnen die denn noch alle zusammen?“ als wäre Selbstständigkeit plötzlich nur dann gültig, wenn man möglichst weit weg voneinander lebt.
Oder ein weiteres schönes Beispiel: sehr direkte Fragen. Nach Gehalt, Familienplanung oder persönlichen Dingen.
In anderen Teilen der Welt ein ganz normaler Einstieg ins Gespräch. Interesse zeigen, Nähe aufbauen.
Bei uns? Grenzwertig. Oder direkt: „Ähm… geht’s noch?“
Und genau da wird es spannend.
Ist es wirklich „richtig“, weil wir so erzogen wurden? Weil unsere Eltern es so gemacht haben, deren Eltern davor auch und irgendwann hat man aufgehört zu hinterfragen? Oder ist es einfach nur Gewohnheit mit gutem Marketing?
Erziehung ist da ein ganz leiser, aber ziemlich mächtiger Einfluss. Sie passiert nicht laut. Sie passiert nicht mit großen Reden. Sie passiert im Alltag. In Sätzen wie „Das macht man nicht“ oder „So gehört sich das“. Und irgendwann fühlt es sich nicht mehr wie eine Regel an, sondern wie eine Wahrheit.
Kultur setzt noch einen drauf. Sie gibt dem Ganzen einen Rahmen, eine Identität. Plötzlich bist du nicht einfach nur jemand mit einer Meinung, sondern Teil von etwas Größerem. Und das macht es verdammt schwer, Dinge zu hinterfragen, ohne sich irgendwie falsch zu fühlen.
Und dann kommt Religion ins Spiel. Mit klaren Regeln, mit moralischen Leitlinien, mit einem starken Gefühl von „Das ist der richtige Weg“. Für viele gibt das Halt. Orientierung. Sicherheit. Und gleichzeitig wird genau dadurch die Grenze zwischen „richtig“ und „falsch“ noch fester gezogen.
Aber jetzt mal ehrlich.
Wenn zwei Menschen auf verschiedenen Seiten der Welt mit voller Überzeugung sagen, sie tun das Richtige… und beide handeln komplett unterschiedlich… wer von beiden liegt dann falsch?
Oder liegt vielleicht keiner falsch?
Vielleicht ist „richtig“ gar kein fester Punkt. Vielleicht ist es eher ein Spiegel. Geprägt von dem, was wir gelernt haben, was wir gesehen haben, was uns beigebracht wurde zu glauben.
Und vielleicht ist der spannendere Gedanke nicht, wer recht hat.
Sondern wie oft wir Dinge verteidigen, die wir nie selbst hinterfragt haben.

