Eine ewige Debatte auf Social Media und in den verschiedensten Buchclubs.
Die einen lieben ihn und würden am liebsten schon im Inhaltsverzeichnis nach „Kapitel 12: Es wird heiß“ suchen.
Die anderen hassen ihn so sehr, dass sie beim leisesten Anflug von Hautkontakt hektisch weiterblättern, als hätten sie aus Versehen ein Kochbuch mit rohem Fleisch erwischt.
Und dann gibt es noch die dritte Gruppe.
Die, die ganz unschuldig sagen: „Ach, mir ist das egal.“
Und plötzlich sehr auffällig langsam lesen, sobald zwei Figuren sich länger als drei Sekunden in die Augen schauen.
Willkommen in der Welt von „Spice“ in Romanen.
Dem literarischen Äquivalent zu Chili: Für die einen genau das, was alles besser macht, für die anderen ein Grund, das ganze Gericht stehen zu lassen.
Und irgendwo dazwischen sitzt dann die große, unausgesprochene Frage:
Braucht ein gutes Buch eigentlich Spice?
Die kurze Antwort: Nein.
Die ehrliche Antwort: Es kommt drauf an, wie gut er gemacht ist.
Denn seien wir mal ehrlich:
Ein schlecht geschriebener Spice ist ungefähr so angenehm wie ein Fremdschäm-Moment auf Familienfeiern.
Zu viel Pathos, zu viele Metaphern, plötzlich hat jeder Körperteil einen eigenen Künstlernamen und man fragt sich beim Lesen nur noch, ob man lachen oder einfach leise das Buch zuklappen soll.
Auf der anderen Seite kann gut geschriebener Spice genau das tun, was er soll:
Nähe zeigen. Spannung aufbauen. Figuren greifbar machen und sich nahbar anfühlen lassen. Was wäre da besser geeignet als Sex?
Nicht, weil zwei Menschen sich ausziehen, sondern weil sie sich emotional ein Stück weiter öffnen.
Und genau da trennt sich die Spreu vom… nun ja, du weißt schon.
Denn Spice ist kein Ersatz für Story und erstrecht kein Pflaster für flache Charaktere.
Und ganz sicher kein magischer Trick, der aus „ganz okay“ plötzlich „absolutes Lieblingsbuch“ macht.
Auch wenn Social Media manchmal genau das behauptet.
Da liest man dann Dinge wie:
„Plot? Weiß ich nicht mehr. Aber Kapitel 23… 🔥🔥🔥“
Und irgendwo sitzt der Autor und denkt sich:
Super. Drei Jahre Arbeit, komplexe Welt, emotionale Entwicklung…
und am Ende wird über ein einziges Kapitel gesprochen.
Und dann gibt es noch einen Punkt, bei dem mir das Lachen ehrlich gesagt ein bisschen vergeht.
Neulich stand ich bei Thalia und habe ein Mädchen gesehen, vielleicht vierzehn, fünfzehn, mit einem dieser bekannten Dark-Romance Bücher in der Hand. Eins von denen, die auf TikTok rauf und runter empfohlen werden. Bücher, in denen die Protagonistin Dinge erlebt, bei denen man als erwachsene Frau schon schlucken muss. Missbrauch, Machtspiele, Situationen, in denen die Wahl im Kern lautet: dein Leben oder dein Körper.
Und ich stand da und dachte mir:
Wenn ich selbst beim Lesen teilweise an meine Grenzen komme… was macht das dann mit jemandem, der noch mitten in der Entwicklung steckt?
Ich will hier niemandem vorschreiben, was gelesen werden darf und was nicht.
Aber dieser Trend, dass es immer brutaler, immer extremer, immer detaillierter werden muss, nur um noch zu schocken oder noch mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, fühlt sich für mich irgendwann nicht mehr nach Unterhaltung an.
Sondern nach etwas, das zumindest hinterfragt werden sollte.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich für mich entscheidet, was ein Buch wirklich kann.
Nicht, wie weit es geht.
Sondern warum es dorthin geht.
Ich persönlich?
Ich habe nichts gegen Spice. Wirklich nicht.
Aber wenn ich ein Buch lese, dann will ich fühlen, mitfiebern, mitdenken.
Ich will Figuren, die mir im Kopf bleiben, lange nachdem ich die letzte Seite umgeblättert habe.
Und wenn dann noch ein bisschen Spice dabei ist, der genau zur Geschichte passt, dann ist das für mich stimmig.
Wenn nicht, fehlt mir nichts.
Denn am Ende entscheidet nicht, wie heiß ein Buch ist.
Sondern wie sehr es dich berührt.

